28. Juli 2026
Die Kraft des Leidens – warum Widerstand Heilung oft verhindert
Warum dein Körper den Schmerz oft besser versteht als dein Verstand
Die meisten von uns haben gelernt, dass Leiden etwas ist, das möglichst schnell verschwinden sollte. Wir lenken uns ab, analysieren, optimieren oder versuchen, uns möglichst rasch wieder «gut» zu fühlen. Schmerz gilt als Hindernis auf dem Weg zu einem erfüllten Leben. Doch was, wenn genau das Gegenteil stimmt?
2024 ging es mir, je länger das Jahr dauerte, immer schlechter. Ohne richtigen Grund. Dann kam der grosse Schock: eine Fehlgeburt. Die Trauer war sehr tief und es hat mich noch mehr aus der Bahn geworfen.
Zur gleichen Zeit begann ich die Ausbildung zum integrativen körperorientierten Coach. Anstatt möglichst schnell wieder «funktionieren» zu wollen, liess ich dem Schmerz und der Trauer zum ersten mal bewusst Raum. Ich ging noch tiefer in den Schmerz. Das war anstrengend. Manchmal fragte ich mich: Warum mache ich das? Und trotzdem spürte ich tief in mir, dass es richtig war.
Wir sagen oft: «Mir geht es schlecht.» Doch das ist bereits eine Bewertung. «Schlecht» war meine Interpretation dessen, was ich erlebt habe. Heute sehe ich diese Zeit eher als einen inneren Prozess. Ich brauchte Zeit für mich, war weniger im Aussen und mehr mit mir selbst beschäftigt. Es war eine Phase des Verarbeitens, des Fühlens und des Loslassens. Nicht angenehm – aber eine wichtige Zeit, in der etwas in mir in Bewegung kam.
Eine neue Perspektive auf «Mir geht es schlecht» kann sein, es als ein innerer Prozess zu sehen, der jetzt Raum benötigt.
Dieses Erleben hat meine Sicht auf Heilung verändert. Deshalb hat mich das Video Die Macht des Leidens, über das niemand spricht so angesprochen. Es beschreibt einen Gedanken, den ich sowohl aus spirituellen Traditionen als auch aus körperorientierten Therapieansätzen kenne: Heilung beginnt nicht dort, wo Leiden endet. Sondern dort, wo wir aufhören, dagegen anzukämpfen.
Schmerzen sind nicht der Feind
Wir glauben oft: «Wenn es mir wieder besser geht, kann ich mich entwickeln.» Doch häufig ist es gerade der Schmerz, der uns offen macht. Er zwingt uns, langsamer zu werden, genauer hinzusehen und mit uns selbst in Kontakt zu kommen.
Schmerz gehört zum Leben. Leiden entsteht oft dort, wo wir gegen diesen Schmerz ankämpfen.
Nicht der Schmerz selbst verändert uns. Aber unsere Bereitschaft, ihm mit Mitgefühl statt mit Widerstand zu begegnen, kann eine tiefgreifende Veränderung ermöglichen.
Der Körper vergisst nichts
Innerer Widerstand zeigt sich nicht nur in unseren Gedanken, sondern auch im Körper: Verspannte Schultern. Ein angespannter Kiefer. Flacher Atem. Druck auf der Brust.
Viele dieser Spannungen sind keine bewusste Entscheidung. Sie waren irgendwann sinnvolle Schutzmechanismen. Der Körper hat gelernt, wachsam zu bleiben. Oft spüren wir deshalb im Körper längst, dass etwas nicht stimmt, bevor wir es mit dem Verstand verstehen oder in Worte fassen können.
Genau deshalb arbeite ich im Coaching auch körperorientiert. Mich interessiert nicht nur, was jemand erzählt, sondern auch, wie jemand da ist. Der Körper ist oft ein direkter Zugang zu Emotionen und Erfahrungen, die sich rational nur schwer greifen lassen.
Deshalb reicht es oft nicht aus, sich einfach vorzunehmen, loszulassen. Solange der Körper auf Alarm eingestellt ist, bleibt auch der Geist unruhig.
Entspannung ist Vertrauen
Entspannung ist deshalb mehr als Erholung. Sie bedeutet nicht, passiv zu werden. Sie bedeutet, für einen Moment aufzuhören, sich ständig zu schützen oder zu kontrollieren. Erst wenn der Körper erfährt, dass er nicht mehr kämpfen muss, entsteht Raum für etwas Neues.
Viele Menschen wissen sehr genau, was sie verändern möchten und schaffen es trotzdem nicht, dieses Wissen nachhaltig umzusetzen. Häufig liegt das daran, dass Muster nicht nur im Denken sitzen, sondern auch im Nervensystem und im Körpergedächtnis.
Deshalb arbeiten körperorientierte Ansätze nicht nur mit Einsicht, sondern mit dem Erleben. Wenn Körper, Emotionen und Verstand wieder miteinander in Verbindung kommen, werden Themen nicht nur verstanden – sie können wirklich verarbeitet werden.
Mein Gedanke dazu
Wie möchten Leiden sehr schnell wieder loswerden. Ich glaube, Heilung beginnt dort, wo wir dem Schmerz mit einer anderen Haltung begegnen und ihm Raum geben.
Nicht indem wir ihn verdrängen oder darin stecken bleiben.
Sondern indem wir aufhören, dagegen anzukämpfen.
Vielleicht ist Heilung weniger ein aktiver Prozess des Reparierens als ein behutsames Loslassen dessen, was wir so lange festgehalten haben.
Heute bin ich dankbar, dass ich damals nicht vor meinem Schmerz davongelaufen bin. Rückblickend war diese Zeit nicht eine «schlechte» Phase – sondern der Beginn einer tieferen Verbindung zu mir selbst.